SICHER DURCH DEN PFLEGEALLTAG

Das Konzept der Resilienz als Stressbewältigungsstrategie

Text: Cylia Hergenröder | Foto (Header): © Vitalii Vodolazskyi – stock.adobe.com

Pflegefachpersonen müssen sich in ihrem beruflichen Alltag oftmals – wenn nicht ständig – physischen und psychischen Herausforderungen stellen. Nicht zuletzt verdeutlichte die Corona-Pandemie erneut, dass pflegende Personen tagtäglich mit Belastungen konfrontiert werden und welch große Verantwortung der Pflegealltag mit sich bringt. Um Pflegeaus(zu)bildende für die Anforderungen im Berufsalltag zu stärken und emotionalen Belastungen sowie körperlichen Problemen entgegenzuwirken, greifen verschiedene Modelle Faktoren und Ressourcen zur methodischen Stärkung der individuellen Resilienz auf.

Auszug aus:

Die Praxisanleitung
Ausgabe 02.2021
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Resilient zu handeln [aus dem lateinischen resilire/resilio = zurückspringen, zurückprallen], meint heutzutage, auf Veränderungen und spezifische Herausforderungen mit einer prozesshaften Anpassung des eigenen Verhaltens zu reagieren. Übergeordnetes Ziel der gängigen Resilienzkonzepte ist die Fähigkeit, mit einem starken seelischen Immunsystem aufkommende Krisen im Alltag leichter zu bewältigen und für die weitere Entwicklung nutzen zu können. Durch die erlebten und positiv gemeisterten Erlebnisse wird die persönliche Resilienz trainiert und Resilienzsteigerungsstrategien werden entdeckt. Resilienz wirkt in der Pflege somit als effektives Stress- und Energiemanagement und dient der Entwicklung situationsspezifischer Stressbewältigungsstrategien.

Um mögliche Wege zur Resilienz als Werkzeug zur Überwindung von Widrigkeiten im Pflegealltag aufzulisten und entsprechend aus Krisen zu lernen sowie an der Bewältigung dieser zu wachsen, soll im Folgenden zunächst die Wichtigkeit von Resilienz bereits in der Pflegeausbildung herausgestellt werden:

Auszubildende sehen sich mit dem Start ins Berufsleben konfrontiert. Hiermit einher geht abgesehen von einer etwaigen, aus unterschiedlichen Gründen bestehenden anfänglichen Unsicherheit die Notwendigkeit, neues Verhalten zu erlernen, vielen neuen Anforderungen zu begegnen und verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Für Ausbildende wiederum bedeutet die Ausbildung als Tätigkeit einen zeitlichen, fachlichen und administrativen Mehraufwand sowie eine Mitverantwortung für den Lebensweg anderer Menschen und deren bestmöglicher Vorbereitung auf den pflegerischen Alltag.

Das Konzept der Resilienz hilft in diesem Zusammenhang physisch wie psychisch stabiler zu bleiben, Stresssituationen positiv zu bewältigen und schließlich im beruflichen Pflegealltag besser zurechtzukommen. Hierbei ist Resilienz nicht statisch, sondern dynamisch, situationsspezifisch und individuell variabel. Trainiert werden kann resilientes Verhalten vor allem durch erlebte und gemeisterte Krisen, sie ist jedoch auch erlernbar und kann durch innere wie äußere Faktoren bewusst und unbewusst gestärkt werden.

Die 7 Säulen der Resilienz

Um gelassener auf stressauslösende Reize zu reagieren, bildet das gängige „Modell der sieben Säulen der Resilienz“ die Stützpfeiler für eine starke Resilienz ab. Unterteilen lässt sich das Modell hierbei zum einen in vier Grundhaltungen. Die innere Haltung mit persönlichen Gedanken und Einstellungen übt einen großen Einfluss darauf aus, wie Stressoren begegnet wird.

Zum anderen besteht es aus drei konkreten Praktiken. Das stetige Ausführen und Wiederholen der Praktiken des Modells stärkt die eigene Abwehrkraft gegen Stress und fokussiert besonders den daraus folgenden Umgang mit sich selbst. Ziel ist hierbei die Achtsamkeit gegenüber der eigenen Gesundheit und eine bessere Interaktion mit der Umwelt.

Die erste Säule der vier Grundhaltungen ist die „Akzeptanz“. Einerseits ist hiermit ein stresslösender Umgang mit Beschränkungen gemeint und zu verinnerlichen, dass es Dinge gibt, die nicht oder noch nicht verändert werden können, um Stress zu lösen und mit den eigenen Entscheidungen eine höhere Zufriedenheit zu erreichen. Anderseits geht es gleichermaßen um eine Selbstakzeptanz und darum, eigene Fehler zu akzeptieren.

TIPP

Zweitbeste Lösungen zu akzeptieren, eine emotionale Selbstannahme und der Versuch, ein Verständnis für das eigene Verhalten zu erlangen, erhöht die eigene Zufriedenheit mit sich selbst und erlebten Grenzsituationen.

Die zweite Säule „Bindung“ bezieht sich auf die Beziehung zu anderen Menschen, Systemen sowie zu sich selbst. Für eine starke Resilienz ist diese wichtig, da sie das menschliche Bedürfnis nach Kontakt erfüllt und ein klares Kommunizieren der Rollen und eine gesunde Empathie, also das Erkennen von Emotionen und angemessener Reaktionen sowie die Unterscheidung von Mitgefühl und Mitleid, emotionale Belastungen vermeiden können.

„Lösungsorientierung“ als dritte Säule des Modells zielt als Resilienz stärkender Faktor auf den Umgang mit Problemen auf der Basis positiv formulierter, einfacher, überschaubarer und realistisch beschreibbarer Lösungen ab. Diese sollten durch eigenes Handeln erreichbar und kontrollierbar sein. Wichtig ist hierbei, die persönlichen Werte und auch die Werte des Umfeldes zu berücksichtigen, um die lösungsorientierte Haltung der Verträglichkeit mit dem Umfeld anzupassen und Stress zu reduzieren.

Als vierte Säule gilt ein „gesunder Optimismus“ als Grundhaltung. Gemeint ist hierbei nicht etwa ein Schönreden von Herausforderungen, sondern vielmehr ein realistischer Optimismus als Balance zwischen negativem und positivem Fokus.

TIPP

Um Denkmuster zu durchbrechen, welche sich auf das Negative konzentrieren und somit Stress aktiv herunterzuregulieren, hilft das Trainieren der Dankbarkeit sowie Gutes im Schlechten zu suchen und zu entdecken.

Die angesprochenen drei Praktiken beginnen bei der „Selbstwahrnehmung“ als fünfte Säule des Modells. Diese ist ein wichtiger Faktor für eine stärkende Beziehung zu sich selbst, um Signale des Körpers wahrnehmen sowie einordnen zu können. Eine starke Selbstwahrnehmung hilft, die Sinne zu schärfen, die Achtsamkeit zu erhöhen und schließlich den eigenen Zustand zu verbessern.

Eine starke Selbstwahrnehmung hilft, die Sinne zu schärfen

TIPP

Um die Selbstwahrnehmung zu fördern, helfen das Achten auf Fokussierungen, emotionale Reaktionen und das Einordnen von Empfindungen auf einer Stress Skala (beispielsweise 0 – 10).

„Selbstreflexion“ als sechste Säule und weitere Praktik geht einen Schritt darüber hinaus und meint das Reflektieren von Reaktionen, Denk- sowie Gefühlsmustern von außen. Eine Person wird hierbei also in eine Art Meta- Perspektive versetzt und das Verständnis für sich selbst wird gestärkt.

TIPP

Emotionen sind immer Hinweise auf persönliche Bedürfnisse. Werden diese reflektiert, tragen wir zur Erfüllung dieser Bedürfnisse und demnach unserem positiven Wohlbefinden bei. Hilfreich sind hierbei beispielsweise die Fragen: „Auf welche Art und Weise habe ich etwas Positives erreicht?“ „Welche Handlungen habe ich ausgeführt, dass kein positives Ergebnis herauskam?“ „Was kann ich hieraus schließlich für eine ähnliche Situation verändern oder lernen?“

Das Modell der sieben Säulen der Resilienz wird mit der „Selbstwirksamkeit“ als siebte Säule abgerundet, dem Bewusstsein darüber, dass das eigene Handeln Auswirkungen hat. Gleichermaßen ist es die Erkenntnis, dass wir selbst die Möglichkeit haben, aktiv eine Situation zu verbessern.

TIPP

Beispielsweise können Tagebücher oder persönliche Erinnerungshilfen an schöne Gedanken oder positive Erlebnisse dazu beitragen, sich an wertvolle Ressourcen und eigene, bereits vorhandene Kompetenzen zu erinnern, um uns selbstwirksam im Umgang mit Krisen handeln zu lassen.

Die sieben Säulen der Resilienz zu kennen und zu stärken, ist ein mögliches Gegenprogramm für Stresssituationen und trägt dazu bei, die Vermeidung langfristiger psychischer sowie physischer Beeinträchtigungen zu fördern.

In der Pflegepraxis: Handlungsempfehlungen und Beispiele

Basierend auf verschiedenen Rahmenmodellen von Resilienz, welche sich mit der Entstehung von resilientem Verhalten befassen und welche Faktoren hierbei eine Rolle spielen, lassen sich folgende Handlungsempfehlungen für Pflegefachpersonen formulieren:

– Ein Feldtagebuch hilft bei der Fokussierung zum einen auf positive Bewältigungsstrategien und diese für künftige Stresssituationen zu trainieren, zum anderen bei der Untersuchung negativer Erfahrungen und welche Handlungen künftig zur Vermeidung solcher verändert werden können.
– Alle Gefühle sollten zugelassen, ernst genommen und persönliche Warnsignale beachtet werden, um die Kontrolle über die eigene Wahrnehmung zu behalten und eine emotionale Stabilität zu erreichen. Früh genug mit anderen über Sorgen zu sprechen und gegebenenfalls nach Hilfe zu fragen, kann hierbei sehr hilfreich sein.
– Nicht nur psychische Gesundheit ist von großer Wichtigkeit: Auch die körperlichen Gesundheitsressourcen müssen Beachtung finden! Körperliche Fitness, Hobbys und gesunder Schlaf sind wichtige Bausteine für eine psychische und physische Erholung des Körpers.

TIPP

Auf dem Arbeitsweg kann vor oder nach der Arbeit körperliche Bewegung eingebaut werden, was sowohl dem Körper als auch der Seele zugutekommt.

– Besonders in stressigen Situationen den eigenen Körper beachten und „verwalten“: „Ist eine klare Unterbrechung der Situation notwendig?“ „Bedarf es jetzt einer kurzen Atempause?“ „Ist aktuell alles in bester Ordnung und die Krise kann ohne Pause bewältigt werden?“
– Neben dem Pflegealltag sollten die sozialen Beziehungen beispielsweise mit der Familie, Bekannten und Freunden gepflegt werden. Auch mit Arbeitskollegen, die spezifische Berufssituationen oftmals besser nachvollziehen können, können negative und positive Erlebnisse ausgetauscht werden.
– Wenn Störfaktoren zur Ablenkung führen, können beispielsweise Fort- und Weiterbildungen zur Erweiterung des Wissens und der Fähigkeiten die Konzentration auf die kognitiven Fähigkeiten im beruflichen Alltag stärken.
– Sich in Stresssituationen auf das Positive, wie persönliche Motivationen oder erfolgreiche Auswirkungen des eigenen Handelns, zurückbesinnen. Veränderungen im Pflegealltag können so besser akzeptiert und Hürden überwunden werden.
– Erste-Hilfe-Maßnahme bei ungewünschtem Verhalten der eigenen Person oder von anderen: Die Frage nach den Auswirkungen stellen und die Handlungen vor den Folgen untersuchen, um Gründe und Alternativen zu erkennen.
– Beim Auftreten einer Krisensituation: Anstelle einer unmittelbaren Reaktion, welche bewusstes Agieren beinahe unmöglich macht, eine einminütige Mediation durchführen. Hierfür innehalten, eine Stoppuhr stellen und eine Minute auf die Atmung konzentrieren. Wahrnehmung und Interpretation werden hierdurch getrennt und Empathie in der Praxis gefördert.
– Bewusstwerdung des Kontexts: Resilienz ist kontextbezogen und variabel. Anstelle von einer Verallgemeinerung eines Problems („Gerade wird alles zu viel!“) die Stressfaktoren in den jeweiligen Kontext setzen, um die eigentliche Stressquelle zu identifizieren und bewältigen beziehungsweise reduzieren zu können.

Ausblick

Bezogen auf den Pflegeberuf ist Resilienz eine zentrale, nützliche Kompetenz und eine psychische Widerstandskraft zur Bewältigung stetig wachsender Aufgaben im Alltag. Herauszufinden, wie eine Krise erfolgreich bewältigt und künftig resilientes Handeln umgesetzt werden kann, fördert nicht nur die eigene Widerstandsfähigkeit, sondern gleichsam das Erlernen einer positiven Einstellung gegenüber aufkommenden Sorgen und Problemen. Das Trainieren der Resilienz hilft demnach nicht nur dabei, Stresssituationen unbeschadet zu überstehen; es führt weiterhin zu einer nachhaltigen inneren Ruhe und einer Stärkung des Selbstwertgefühls, was eine positive Grundeinstellung gegenüber den Anforderungen des Pflegealltags fördert.

Die Autorin

Cylia Hergenröder, M.A.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin der FernUniversität in Hagen und Doktorandin der Goethe Universität in Frankfurt am Main. Promoviert über pädagogisch relevante Formen der Digitalisierung und arbeitet seit Jahren im Bereich Medienpädagogik und Bildungsforschung.

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